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Sunday, December 06, 2015

Utopie

"Es scheint offensichtlich, dass die Konstitution von Grundlagen der Selbstversorgung im Zusammenhang mit einer "Rückkehr" der Notwendigkeiten auf das Feld der Geschichte, eine Reflexion über die materiellen und moralischen Auswirkungen des Befundes des Scheiterns - sowohl der Überflussgesellschaft als auch des revolutionären Projekts der letzten zwei Jahrhunderte - erfordert. Solche Reflexionen würden uns zu einer Auseinandersetzung mit verschiedenen aktuellen Fragen leiten. Eine wäre beispielsweise die der Selbstbeschränkung (also die Fähigkeit einer menschlichen Gemeinschaft, den Sinn für ihre Grenzen zu bewahren, die Sparsamkeit, das kulturelle Empfinden des Todes...). Eine andere wäre die der Würde und Grenzen der historischen Formen des menschlichen Zusammenlebens. Die Utopie ist obsolet geworden, aber sie ist die einzige Tugend, die uns bleibt." Los Amigos de Ludd, Utopie Magazin

Ein Heft mit Texten über Utopie von verschiedenen Autoren aus verschiedenen Jahrzehnten. Es ist wohltuend, gedanklich weit auszuholen, wenn man sich in zeitgenössischen Szenarien verhaspelt. Daraufhin ist es wichtig, wieder scharf zu sehen.

Sunday, December 14, 2014

Johan Huizinga - Das Spielelement der Kultur


Spieltheorien nach Johan Huizinga von Georges Bataille, Roger Caillois und Eric Voegelin

Der Niederländer Johan Huizinga (1872-1945, Super Typ) untersuchte in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts die Rolle des Spiels in der Kultur, welche seiner Meinung nach anfänglich gespielt wird, also durch Spiel entsteht.
In dem feinen Büchlein "Das Spielelement in der Kultur", erschienen 2014 bei  Matthes und Seitz, ist seine Schrift "Homo Ludens" ergänzt mit Theorien von Bataille, Caillois und Voegelin und eigenen Texten von Knut Ebeling zusammengebracht worden.

Der Humanist Huizinga erkannte die Eigenständigkeit im Verhältnis zu, aber auch ausserordentliche Bedeutung des Spiels für die Kultur. Indem ein Spiel kreiert wird, entstehen neue Voraussetzungen innerhalb der Welt, nach denen frei gehandelt werden kann. Zeit, Raum und Abhängigkeiten sind wählbar. Alle Beteiligten binden sich freiwillig für den Spielzeitraum an die Spielregeln. Spiel ist zunächst sinnbefreiter Raum, in welchem man sich aufhält, ohne den Grund dafür zu hinterfragen. 
"Das ist die allgemeine Ökonomie des Kindes: Das Spiel hat mehr Wert als der Zweck und die Verausgabung mehr als die Handlung." (Aus dem Nachwort von Knut Ebeling) 
Das Spiel ist frei, da Unabhängigkeit vom Alltag besteht, es ist ein "gewollter Ausnahmezustand". (Caillois) 
Ausgerechnet die selbstgewählten Grenzen befreien den Spielenden.
"Der Mensch beginnt nicht mit der Freiheit, sondern mit der Grenze des Unübertretbaren" (Bataille)
Heuzinga beobachtet, dass das Spiel in sehr freudige und ekstatische Zustände führen kann. Es ist eine Handlung, ein Drama, Streit, Wettkampf.
Im Wettkampf liegt zwar ein evolutionsbiologischer Grund für das Spiel, denn die Besten werden sichtbar. Sehr viele Spiele sind jedoch sinnbefreit.  Heuzinga erkennt im Spiel eine selbstständige Kulturhandlung.
In dieser Kulturhandlung wird das Bewusstsein verändert: Ohne, dass sich die Teilnehmer selbst über die Wirklichkeit betrügen, begeben sie sich in eine erweiterte und in sich begrenzte Realität. Sie spielen sich selbst etwas vor.
Nach Platon führt sogar ein verborgener Gott die Welt auf, er spielt sie, die Menschen sind sein Spielzeug. Demnach ist das Spiel auf Erden die höchste Tätigkeit.  "So muss denn jedermann, ein Mann so gut wie eine Frau, dieser Weise folgen und die schönsten Spiele spielend das Leben leben..."
Das Spiel selbst ist für Huizinga überflüssig. Genau damit steht es für einen höheren Sinn auf der Welt. Denn es generiert überfunktionalen Sinn. So ist es ein Katalysator von Kunst und Philosophie. Es geht nicht um die Inhalte, sondern das Verhandeln, die unbeabsichtigte Produktion derselben.
Der Spielende verhält sich souverän, indem er das sinnlose Spiel selbstbestimmt der sinnvollen Arbeit gleichsetzt.
Ebeling fügt zur Arbeit einen interessanten Exkurs zu Hegel ein:
Hegel definiert den Unterschied von Knecht und Herr dadurch, dass der Knecht die Arbeit wählt und akzeptiert um nicht zu sterben. Der Herr jedoch nimmt das Risiko des Todes auf sich. Seitdem Krieg zur Arbeit geworden ist (Berufssoldaten), ist dem Knecht die Souveränität seiner Entscheidung für die Arbeit und gegen den Tod abgenommen worden: Jetzt ist der Tod Teil der Arbeit. 
"Das Denken, das Arbeit und Zwang begründeten, hat bankrott gemacht. Nachdem es der Arbeit, dem Nützlichen die monströse Rolle zugesprochen hat, die man nur zu gut kennt, ist es an der Zeit, dass das freie Denken sich daran erinnere, dass es zutiefst ein Spiel ist (ein tragisches Spiel) und dass die ganze Menschheit, die gleich ihm ein Spiel ist, im Vergessen desselben nichts gewonnen hat, als die Zwangsarbeit unzähliger sterbender Soldaten." (aus dem Nachwort von  Knut Ebeling)
Es ist demnach höchste Zeit, den Zusammenhang von Spiel und freiem Denken im Gegensatz zur Arbeit wieder zu bewerten.
Batailles Kulturkritik lautet: Die Menschheit "sei nur zum Spielen da - und sie hat sich auf den Ernst der Arbeit verlassen."
Uneinig sind sich die Philosphen über das Verhältnis vom Spiel zum Heiligen:
Die Spielhandlung ist nach Huizinga heilig, denn sie wird nicht begründet. 
Caillois erkennt darin im Gegensatz zu Heuzinga den wesentlichen Unterschied zum Heiligen: Dort ist alles Inhalt, welcher unantastbar ist, in Riten und durch Handlungen immer weiter gefestigt werden muss. 
Man ist sich zudem uneins, was alles zum Spiel gehört: Unter anderem werden in diesem sehr abwechslungsreichen und empfehlenswerten Büchlein das Glücksspiel, der Wettkampf, die Spiele der Wirtschaft/Banken, religiöse Spiele, Kinderspiele oder auch das Liebesspiel ( "Es ist die Abwechslung von Spannung und Lösung" Huizinga) behandelt.
Super Typ, Super Buch.

Monday, April 28, 2014

"Paradies der falschen Vögel"

Fälscher unter Fälschern spielen das vergnügliche Spiel Kunst.
Ein zunächst unwissend und somit "unschuldig" fälschender Fälscher, Enkel eines Fälschers und einer Sammlerin, schildert seine abenteuerliche Karriere phantasiestrotzend. Der Kunstbetrieb erscheint als unübersichtliches Gewebe, in welchem sich irgendwann selbst die Spinnen verfangen und gefressen werden.
Das Buch ist äusserst kurzweilig und leuchtet ausserdem mit ein paar sehr schönen Sätzen wie diesem:
"Aber das Herz wurde mir leichter, je länger ich wanderte: denn ich bin ein Freund von Fußwanderungen vor allem wenn ich keinen Ballast mit mir trage und nirgends erwartet werde."

"Paradies der falschen Vögel" von Wolfgang Hildesheimer, Suhrkamp Verlag, erstmals erschienen 1953

Friday, January 03, 2014

Ein Verhältnis zum Tragischen


Das Neue Jahr begann für mich mit dem Lesen von "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch" von Max Frisch
(Suhrkamp Verlag, 2010). Er hat es um 1982 mit 71 Jahren geschrieben.
Das Buch rührt mich sehr, vergleichbar vielleicht mit "Hurt" gesungen von Johnny Cash.
Max Frisch beherrscht eine präzise, schlichte Sprache. Spärliche Worte werden richtig gesetzt.
Er erzählt seinen Alltag, täglich schreibt er etwas nieder und redigiert es selbst bis zur Essenz.
Manchmal steht dort nur noch ein Satz auf einer Seite für einen Tag.
Wenige Themen finden statt, der sterbende Freund, er denkt über Israel nach, den drohenden Atomkrieg, die jüngere Freundin, die ihn gegen Ende dieses Tagebuches verlässt,  die tägliche Arbeit, das Vergessen, er erzählt von Telefonaten mit seiner Übersetzerin, beschreibt seine Wohnorte, Wohnungen und Häuser in New York und Zürich.
Die Einträge sind Parabeln über Leben, Politik, Liebe, Arbeit und Tod.

"Hänge ich am Leben?
Ich hänge an einer Frau.
Ist das genug?"

Er präzisiert kulturelle Unterschiede, nicht zuletzt durch die beschriebenen verschiedenen Sichtweisen von ihm und seiner amerikanischen Freundin Alice.

"Es gibt in Amerika alles-
nur eins nicht:
Ein Verhältnis zum Tragischen."

Max Frisch ergibt sich keiner Tragödie, sondern verhält sich und hinterfragt cool.

"Warum findet man sich nicht endlich ab (mit der geschlechtlichen Impotenz) und ein für alle mal?
Weil in Träumen die Sexualität nicht schwindet, im Gegenteil, und weil auch auf Impotenz kein Verlass ist."

Gegen Ende des Buches wechselt das Erlebte kaum merklich in Vorgestelltes, ein Haus in einer Landschaft mit weidendem Pferd davor, Säulen, die er mal streichen müsste, seltener werdende Gäste im Haus. Er überschreitet die Grenze zu einer anderen Welt, indem er diese erzählt.
Seine Geschichte wird brüchig und leise.
Das als Buch angelegte Tagebuch ist zu seinen Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht worden, sondern posthum erst 2010.

Friday, December 27, 2013

"Im Schwarm - Ansichten des Digitalen" von Byung-Chul Han



"Im respektvollen Umgang mit anderen hält man sich zurück mit neugierigem Hinsehen. Der Respekt setzt einen distanzierten Blick, ein Pathos der Distanz voraus. Heute weicht er einer distanzlosen Schau, die charakteristisch ist für das Spektakel. Das lateinische Verb spectare, worauf Spektakel zurückgeht, ist ein voyeuristisches Hinsehen, dem die distanzierte Rücksicht, der Respekt (respectare) fehlt."
"Die Öffentlichkeit setzt unter anderem ein respektgeleitetes Wegsehen vom Privaten voraus. Die Distanznahme ist konstitutiv für den öffentlichen Raum."
"Das digitale Medium als solches privatisiert die Kommunikation, indem es die Produktion von Information vom Öffentlichen ins Private verlagert. Roland Barthes definiert die Privatsphäre als "jene Sphäre von Raum, von Zeit, wo ich kein Bild, kein Objekt bin". So gesehen hätten wir heute gar keine Privatsphäre mehr, denn es gibt nun keine Sphäre, wo ich kein Bild wäre, wo es keine Kamera gäbe."
"Dank der Datenbrille erreicht die menschliche Wahrnehmung eine totale Effizienz. Nicht nur mit jedem Klick, sondern auch mit jedem Blick macht man Beute. Das Sehen der Welt fällt mit dem Erfassen der Welt zusammen. Das Google Glass totalisiert die Jägeroptik, die alles ausblendet, das keine Beute, das heißt, keine Information verspricht. Das tiefere Glück der Wahrnehmung, des Sehens, aber besteht in deren Effizienzlosigkeit. Es entspringt dem langen Blick, der bei den Dingen verweilt, ohne sie auszubeuten. "
"Man fährt überall hin, ohne zu einer Erfahrung zu gelangen. Man zählt endlos, ohne erzählen zu können. Man nimmt Kenntnis von allen Dingen, ohne eine Erkenntnis zu erlangen."
"Das Übermaß an Information läßt das Denken verkümmern. Das analytische Vermögen besteht darin, vom Wahrnehmungsmaterial alles wegzulassen, was nicht wesentlich zur Sache gehört. Es ist letzten Endes die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Die Informationsflut, der wir heute ausgeliefert sind, beeinträchtigt offenbar die Fähigkeit, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren."
"Die digitale Vernetzung erleichtert die Informationsbeschaffung dermaßen, dass das Vertrauen als soziale Praxis immer mehr an Bedeutung verliert. Es weicht der Kontrolle."
"In der Selbstausleuchtung fallen die pornografische Zurschaustellung und die panoptische Kontrolle in eins. Die Kontrollgesellschaft vollendet sich dort, wo ihre Bewohner nicht durch äußeren Zwang, sondern aus innerem Bedürfnis heraus sich mitzuteilen, wo also die Angst davor, seine Privat- und Intimsphäre aufgeben zu müssen, dem Bedürfnis weicht, sie schamlos zur Schau zu stellen, das heißt, wo Freiheit und Kontrolle ununterscheidbar werden."
"Das Sehen fällt gänzlich mit der Überwachung zusammen."
"Die digitale Überwachungsgesellschaft, die den Zugang zum Kollektiv-Unbewussten, zum künftigen sozialen Verhalten der Massen hat, entwickelt totale Züge. Sie liefert uns der psychopolitischen Programmierung und Kontrolle aus. Das Zeitalter der Biopolitik ist damit vorbei. Wir steuern heute dem Zeitalter digitaler Psychopolitik zu."

Tuesday, May 28, 2013

"Transparenzgesellschaft" von Byung-Chul Han



"Hinsichtlich des Ausstellungswertes ist das bloße Dasein ganz bedeutungslos. Alles, was in sich ruht, bei sich verweilt, hat keinen Wert mehr. Den Dingen wächst nur dann ein Wert zu, wenn sie gesehen werden."
"In der ausgestellten Gesellschaft ist jedes Subjekt sein eigenes Werbeobjekt."
"Der Körper wird zu einem Ausstellungsobjekt verdinglicht, das es zu optimieren gilt. Es ist nicht möglich, in ihm zu wohnen. Es gilt, ihn auszustellen, und ihn dadurch auszubeuten. Ausstellung ist Ausbeutung. Der Ausstellungsimperativ vernichtet das Wohnen selbst."
"Problematisch ist nicht die Zunahme von Bildern an sich, sondern der ikonische Zwang, zum Bild zu werden. Alles muss sichtbar werden. Der Imperativ der Transparenz verdächtigt alles, was sich nicht der Sichtbarkeit unterwirft. Darin besteht ihre Gewalt."
"Die visuelle Kommunikation vollzieht sich heute als Ansteckung, Abreaktion oder Reflex. Ihr fehlt jede ästhetische Reflexion. Ihre Ästhetisierung ist letzten Endes anästhetisch."
"Die sozialen Medien und personalisierten Suchmaschinen errichten im Netz einen absoluten Nahraum, in dem das Außen eliminiert ist. Dort begegnet man nur sich und seinesgleichen. Es ist keine Negativität mehr vorhanden, die eine Veränderung möglich machen würde. Diese digitale Nachbarschaft präsentiert dem Teilnehmer nur jene Ausschnitte der Welt, die ihm gefallen. So baut sie die Öffentlichkeit, das öffentliche, ja kritische Bewusstsein ab und privatisiert die Welt." 
"An die Stelle der Öffentlichkeit tritt die Veröffentlichung der Person."
"Das narzisstische Subjekt verschmilzt so sehr mit sich selbst, dass es nicht möglich ist, mit sich zu spielen."
"Die Selbstausleuchtung ist effizienter als die Fremdausleuchtung, weil sie mit einem Gefühl der Freiheit einhergeht."

Byung-Chul Han, "Transparenzgesellschaft", 2012, Matthes & Seitz Berlin 


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Monday, December 10, 2012

Don`t do it yourself


"A plague veiled in the ideal of empowerment is sweeping our nation, leaving in its wake neighborhoods scarred by crappy home improvement, families destroyed by badly cooked gourmet meals, and scores and heaps of barely used tools, leftover supplies, and unfinished projects. This particular affliction goes by the familiar initials D.I.Y., which stands for “Do It Yourself.” The idea is rooted in positivity, but the reality is sinister."

Lisa Anne Auerbach, "don´t do it yourself"

A text about how the industry uses D.I.Y. to hoax the consumer, and what D.I.Y. was originally supposed to mean. Reading the text was big fun and a relief for me while preparing Christmas. 
Read the whole text or buy the small book. 
Lisa Anne Auerbach lives in Los Angeles. As an artist she is working in various ways to tidy up and manifest opinions in her environment, from knitting pullovers to writing, from "torn porn" to photography.

Sunday, August 28, 2011